Neu im buchladen-Regal: ausgewählte Neuerscheinungen
...denen wir viele LeserInnen wünschen

Wie Christopher die Welt sieht

Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone.
(Originaltitel: The Curious Incident of the Dog in the Night-Time).
Aus dem Englischen von Sabine Hübner.

288 Seiten, gebunden

Goldmann TB 2005

ISBN: 344246093X

8,95 EUR

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Unsere Besprechung:

Christopher Boone ist 15 und er hasst jede Art von Überraschung und Unordnung. Christopher ist Autist und seine Betreuerin hat ihm geraten, eine Geschichte zu schreiben, die er gerne selbst lesen würde. Und so setzt sich Christopher hin und schreibt auf, wie der Pudel der Nachbarin getötet wird und er versucht, den Täter zu finden. Da kann er noch nicht ahnen, dass er bei seinen Nachforschungen manches erfahren wird, was er lieber nicht wissen wollte und manche seiner geschätzten Sicherheiten aufgeben muss.
Ich gebe zu, ich weiß nicht, wie ein Autist denkt und fühlt. Aber Mark Haddon, der Autor von “Supergute Tage” erzählt so überzeugend und stimmig, dass diese Frage nicht weiter wichtig ist.
Gewürzt mit trockenem englischen Humor gewährt Haddon tiefe Einblicke in die kindliche Seele und wenn wir Chris-tophers Sicht der Dinge be-trachten, müssen wir uns eingestehen, dass auch in uns zumindest als Kind ein verkappter Autist steckte (oder immer noch steckt). Erfrischend, wie Haddon durch Christophers Au-gen einen ganz anderen Blick auf die Welt wirft und verblüffend lehrreich ist diese Ein-stellung dazu.
“Supergute Tage” bietet ein komplexes Bild der Wirklichkeit und keine perfekten Lösungen, aber so ist das Leben nun mal.
Fünf rote Autos hintereinander sind für Christopher ein sicheres Omen für einen superguten Tag. In dieser Kategorie gedacht, kriegt Mark Haddons Roman we-nigstens vier Autos. (P. Philippi)

Global Players

David Mitchell: Chaos. Roman
Ein Roman in neun Teilen.
Aus d. Engl. v. Volker Oldenburg
592 S. , kartoniert

Rowohlt TB Verlag 2006
ISBN 3-499-24120-X

8,90 EUR

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Unsere Empfehlung:

Von wem stammt eigentlich die Theorie, der Flügelschlag eines Schmetterlings könne einen weit entfernten Sturm auslösen? Und wer hat gesagt, dass das Chaos eigentlich ganz in Ordnung ist?
Chaos ist ein Roman in neun Teilen und irgendwie sind alle Teile miteinander verknüpft. Kausalität und Zufall, aber gibt es so etwas wie Zufall überhaupt?
Tokio, New York, die Mongolei, Petersburg, ein heiliger Berg in China und London sind die Schauplätze und David Mitchells Thema ist nichts weniger als die Welt im 21. Jahrhundert. Wirtschaftskriminelle, Terroristen, Yuppies, eine Nuklearwissenschaftlerin, ein Night DJ, eine alte Frau, ein Geist, ein Gangster und ein intelligenter Computer: Sie alle sind Figuren in einem globalen Spiel, aber wer zieht die Fäden?
Chaos ist einfach und raffiniert zugleich. Funktionieren seine einzelnen Romanteile auf sich allein gestellt als Kurzgeschichten, so ergeben sie zusammen gelesen ein komplexes Bild, das zudem unterschiedliche Deutungen erlaubt. Bei dem Engländer David Mitchell gewinnt der Begriff 'Weltliteratur' eine ganz neue Bedeutung.
(P. Philippi)

Ein Kapitel im Leben

Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem Leben.

141 S., gebunden
dtv
ISBN: 342313478X

8,50 EUR

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Unsere Rezension:

„Meine Mutter war die einzige Frau im Haus, die keine Witwe war, dafür war sie zum dritten Mal geschieden und lebte seit der letzten Scheidung von meinem Vater, mit einem Mann zusammen, den ich Onkel Wito nannte.“
Dieses Zitat stammt aus dem neuesten Buch von Barbara Honigmann und ähnlich lakonisch, immer mit einem feinen ironischen Unterton beschreibt die Autorin „Kapitel“ des Lebens ihrer Mutter.
Eines dieser Kapitel ist die Ehe mit ihrem zweiten Mann, dem englischen Doppelspion Kim Philby, der seit Mitte der Dreißiger Jahre für den sowjetischen KGB tätig war und sich 1963 nach Moskau absetzen konnte, bevor er enttarnt wurde. Ohne sich immer an die exakten Tatsachen zu halten, entwirft die Autorin das Bild einer außergewöhnlichen jüdischen Frau, die, aus Österreich stammend, im Krieg quer durch Europa gereist ist, um sich in hohem Alter wieder in Wien niederzulassen. Humorvoll und mit liebevoller Distanz versucht sie, sich dem geheimnisvollen Leben ihrer Mutter anzunähern „Sie hat mich geboren und nun setze ich sie wieder als Legende in die Welt. Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge, so wie es ihr Credo war.“ Ein ungewöhnlich spannendes Buch, das seine Faszination aus der Vermischung von kleinen familiären Alltagsgeschichten und Facetten „großer“ europäischer Geschichte bezieht.
Barbara Honigmann selbst ist 1984 mit ihrer Familie von Ostberlin nach Straßburg emigriert und arbeitet dort als Schriftstellerin und Malerin. (M. Klein)

Ein amerikanischer Traum in Argus N.D.

Louise Erdrich: Der Club der singenden Metzger
Übersetzt von Renate Orth-Guttmann.
Originaltitel: The Master Butchers singing Club.
503 Seiten, kartoniert

Suhrkamp Taschenbuch Verlag KG

ISBN: 3518457500

9,90 EUR

 

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Unsere Rezension:

Aus dem 1. Weltkrieg kehrt Fidelis Waldvogel in sein deutsches Heimatdorf zurück. Er heiratet die schwangere Verlobte seines gefallenen Freundes. In der durch Hunger und Armut geprägten Zeit sieht der Metzgermeister keine Zukunft in seiner Heimat und wandert in die USA aus. Er strandet in einem kleinen Städtchen in North Dakota, holt seine Frau Eva plus Kind nach und gemeinsam bauen sie dort eine Metzgerei auf, die die letztendlich sechsköpfige Familie ernährt.
Das Leben in der Kleinstadt ist für alle hart und arbeitsreich. Davon erzählt Erdrich eindrucksvoll, sie verwebt die Lebensgeschichten der Einwanderer mit denen der einheimischen Bewohner. Im Mittelpunkt stehen die beiden starken Frauen, Eva und Delphine, eine kluge, zupackende Frau, die sich mit einem Akrobaten durchs Land geschlagen hat und nun zurückkehrt in ihren Heimatort und damit zu ihrem Vater, einem stadtbekannten Säufer. Beide werden innige Freundinnen - jedoch stirbt Eva früh. Delphine meistert nach deren Tod die “Mehrfachbelastung”, sowohl ihr Leben, das ihres Vaters und das der halbverwaisten Waldvogels in den Griff zu bekommen und ihren amerikanischen Traum zu verwirklichen.
Erdrich erzählt mit einer feinen, warmherzigen Sprache von diesen Menschen mit ihren komplexen Charakteren, Träumen und Vergangenheiten...ein Lesegenuss. (A. Mantwill)

Lehmann 2: Mit Frank Lehmann ins Jahr 1980

Regener, Sven: Neue Vahr Süd
Roman.
633 Seiten, kartoniert

Goldmann TB Verlag 2006
ISBN SBN 3-442-45991-5

9,95 EUR

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Sven Regener

Unsere Rezension:
1980 in Deutschland: ein junger Mann, der später einmal ´Herr Lehmann´ heißen wird, wird zur Bundeswehr eingezogen, Kleinfamilien zerfallen in Vorortsiedlungen, ebenso die hoffnungsfrohen politischen Gruppen der Generation K.
WG-Bewohner piesacken sich schlechtgelaunt als Ex-Genossen und sind sich nicht mehr- und sind es noch nicht- grün.
Die örtliche Punk-Szene träumt an der Weser sitzend von Berlin, und das Bremer Proletariat zeigt sich zuweilen von der sehr menschlichen Seite.
Man lebt so vor sich hin, zwischen Wochenend-Flirt und Kasernenfrust und Frank Lehmann gibt in diesem ebenso glaubhaften wie unspektakulären Achtziger-Jahre-Quartett eine Art Joker zwischen romantischem Loser und aggressivem Durchblicker. (Ob er dann eines Tages in Berlin als Kneipier oder Unternehmensberater reussieren wird weiß nur, wer den ersten Band der hier fortgeführten und noch zu beendenden Lehmann-Trilogie gelesen hat.)
Und wer Regeners Kunstfigur aus Berlin kennt, wundert sich nicht über die Banalität dieser Geschichte, und wundert sich nicht, dass es Sven Regener gelingt, sie großartig mit zeitgemäßen Ideen und Requisiten auszustatten; jedes Kapitel eine kleine Aufführung und die lauten Lacher und leisen Schmunzler sind uns sicher.
Aber auch ein paar Tiefgänge der dialektischen Art sind dem Leser gewiss und wenn selbst das notorisch angehängte Lehmannsche ´dachte er´ sich als Stilmittel bis zur letzten Seite nicht verbraucht und uns das Leben als Geschichte von Möglichkeiten vorführt, sind wir mit der erzählerischen laid-back Attitude des Herrn Regener ganz versöhnt und bedauern keinen Augenblick, wieder nicht den großen deutschen Zeitroman gelesen zu haben. (F. Peters)

Meines Vaters Land

Wibke Bruhns: Meines Vaters Land.

Geschichte einer deutschen Familie.
385 S. m. Fotos, 8 Fototaf., gebunden
Ullstein TB 2005
ISBN: 3548367488

9,95 EUR

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Unsere Rezension:
Wibke Bruhns - erste Tagesschausprecherin - sieht 1979 in einer TV-Dokumentation zufällig ihren Vater Hans Georg Klamroth vor Freislers Volksgerichtshof. Sie erkennt, dass sie keine Erinnerung an ihn hat. Sie war sechs als ihr Vater wegen Mitwisserschaft 1944 hingerichtet wurde. Wie üblich wurde in der Familie nicht über die NS-Zeit gesprochen.  
Erst nach dem Tod der Mutter, die den umfangreichen Nachlass 'verwahrt' hatte, beginnt  sie die Recherche  nach den Spuren ihres Vaters. An Hand der zahlreichen Dokumente, Briefe, Tagebücher und eigenen Nachforschungen schildert sie die Geschichte einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie aus Halberstadt. Deutlich tritt die Kontinuität zwischen Kaiserreich und Drittem Reich hervor. Akribisch beschreibt sie die Biographie ihres Vaters (HG - wie sie ihn distanziert nennt): Kindheit( geb.1898) - 1.Weltkrieg (Fähnrich im Baltikum) - Lehrzeit (Hamburg) - Heirat (reiche Frabrikantentochter) - 2.Weltkrieg (Abwehroffizier). Dem Enthusiasmus im 1.Weltkrieg und anfänglicher Begeisterung für den Nationalsozialismus, folgte später vorsichtige (innere) Distanz. Privat einerseits liebevoller  Vater und Ehemann, andererseits aber auch Lebemann und Fremdgänger, was letztendlich zur Zerrüttung der Ehe führte.
Ein sehr spannender, persönlicher Familienroman mit Ausflügen in die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Zeitgeschehen aus subjektiver Sicht. (E. Beth)

Literarische Abgründe

Fernando Vallejo: Der Abgrund.

Roman. Ausgezeichnet mit dem Premio Romulo Gallegos 2003.
Aus d. Span. v. Svenja Becker
Originaltitel: El desbarrancadero
190 S., gebunden
2004 Suhrkamp Verlag
ISBN 3-518-41655-3

19,80 EUR

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Unsere Rezension:
Der kolumbianische Autor Fernando Vallejo hat mit Der Abgrund vor wenigen Jahren den wichtigsten lateinamerikanischen Literaturpreis gewonnen und wurde nun, und das sagen Berufenere, kongenial übersetzt von Svenja Becker.
Vallejo, ein ´Autor der ersten Person´ erzählt von seiner Rückkehr ins Elternhaus nach Medellin zum an Aids sterbenden geliebten Bruder. Seine letzten elenden Tage in Marihuanawolken gehüllt und therapieresistent, dient er dem Autor an seiner Seite als Projektionsfläche einer großen Abrechnung mit Familie Staat und Kirche.
Vallejo betreibt indes keine kühle Analyse der Verhältnisse, er schlägt in seiner Verzweiflung wild um sich und trifft; trifft auch den Leser, der sich im Bewusstsein der autobiografischen Qualität des Textes fragt, wieviel Kraft ihm da abverlangt wird, um dann fasziniert weiterzulesen in diesem radikalen, gänzlich magielos-realistischen Text, dessen Tragik nicht des Komischen entbehrt.
Vallejo gibt dem Leser, und das erwartet man ja auch ab und zu von Literatur jenseits des Erbaulichen, Rätsel auf nicht, ob ´es´wirkich so schlimm bestellt ist um Kolumbien, die Katholische Kirche, diese Welt, das wissen wir bereits aus der Zeitung, doch ob wir bereit sind, dieser Wirklichkeit in ihr literarisches Auge zu blicken. Denn Der Abgrund ist vor allem dies: ein sprachliches Meisterwerk. (F. Peters)

Die Dämonen der Vergangenheit

Anne Chaplet: Russisch Blut.

Kriminalroman.
Serie Piper Bd.7072 Piper Original
256 S., kartoniert
2004 Piper

ISBN 3-492-27072-7

12,00 EUR

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unsere Rezension:

Anne Chaplet verbindet in ihrem neuen Krimi - diesmal nicht mit Paul Bremer & Co - zwei Erzählstränge, die 60 Jahre auseinander liegen.
Da ist einmal die neue Ermittlerin Katalina Cavic, eine heimatlos gewordene, bosnische Tierärztin, die in dem idyllischen Ort Blanckenburg im Harz eine Praxis gründen will. Sie wohnt zur Zwischenmiete auf dem verfallenden Schloss. Eines Morgens wird der berühmte Archäologe Riest tot aufgefunden, der dort im Auftrag der neuen Besitzer auf den Spuren der Vergangenheit war. Als Täter kommen die Schlossbewohner in Frage: drei Schwestern plus 2 Ehemänner. Auch der ehemalige, jetzt greise Schlossherr, könnte seine Hand im Spiel gehabt haben.
Da sind wir zum zweiten im Jahr 1945, bei Mathilde von Bergen, die von einem ostpreußischen Gut vor der anrückenden russischen Armee flieht. Sie gelangt bis zum Schloss Blanckenburg, das im Besitz ihres Verlobten ist - der alte Schlossherr in der Jetztzeit.
Beide Frauen haben furchtbare Erfahrungen gemacht, Mathilde konnte den russischen Soldaten nicht entkommen und Katalina erfuhr in Bosnien sexuelle Gewalt. Es geht in dem Krimi in erster Linie gar nicht um die Geschehnisse auf dem Schloss (es geschehen noch 2 weitere Morde), sondern um die Themen Vertreibung, Vergewaltigung und die nicht nur für die Frauen schwierigen psychischen Situationen, sondern auch die Psychogramme der beteiligten Männer und der ungewollten Kinder.
Chaplet ist mit Russisch Blut wieder ein lesenwerter, atmosphärisch packender Roman gelungen. (A. Mantwill)


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