weitere Empfehlungen:

Judith Hermanns Geschichten voller Poesie


Ein ganzes Universum kann man nicht entstehen lassen in einer Erzählung, aber die in 'Sommerhaus, später' versammelten Geschichten von Judith Hermann sind so voller Poesie, daß ein Ausflug in diese ebenso verschmähte wie kurze Prosaform empfohlen werden soll. Am liebsten würde man darauf verzichten, sich diesen Gebilden besonderer Sprache erklärend zu nähern, die vertrauten und doch überraschenden Beobachtungen, die sie mitteilt, sich bewegt zwischen schwerer Leichtigkeit und deren Gegenteil. Und schon ist man gescheitert, möchte nur sagen:lies mal, und zitiert so ungern wie abschließend den immer jugendlichen Hellmuth-RanickiZwo-Karasek: “Der Sound einer neuen Generation.” Wow... (F.Peters)

Judith Hermann: Sommerhaus, später. Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag (Bd.14770) 2000. 187 S.. Kartoniert. 7,90 EUR
ISBN: 3-596-14770-0




bestellen


Barbara Gowdy: Der weiße Knochen


Jetzt als Taschenbuch:

Gowdy, Barbara: Der weiße Knochen.
Roman. Aus d. Engl. v. Ulrike Becker u. Claus Varrelmann.
Diana Taschenbuch
2001. 397 S..
10,00 EUR Kartoniert.
ISBN: 3-453-17724-X,

bestellen

'Der weiße Knochen' ist ein Tierbuch. Kein Sachbuch, sondern ein Roman, eine Famileinsaga, in der die Elefanten die handelnden Figuren sind. Wir sehen die Welt aus ihrer Sicht, lernen ihr Sippengefüge, ihre Lebens- und Verhaltensweise, ihre Problem kennen: angeschlagen durch naturbedingte (Trockenheit) und menschenbedingte (Beschneidung von Lebensraum, Töten der Sippenmitglieder) Katastrophen suchen die Tiere nach einem Ausweg aus ihrer Not: der Mythos vom weißen Knochen, dessen Fund ihnen den Weg in eine bessere Zukunft weisen wird, läßt sie irre Strapazen auf sich nehmen. So verrückt das klingt, dieser Roman zieht uns so in die Elefantenperspektive hinein, daß wir LeserInnen mit den Dickhäutern leiden und hoffen. Gowdy hat es auf erstaunliche Weise geschafft, reale Forschungserkenntnisse über Elefanten und Fiktion zu einer einmaligen Geschichte zu verflechten. Wir wissen ja von dem berühmten Gedächtnis der Elefanten, seit einigen Jahren weiß die Forschung, daß Elefanten eine Sprache haben. Man beobachtete ihre fast rituelle Art zu trauern, wenn sie auf Knochen ihrer Artgenossen treffen. Andere Beobachtungen lassen auf Einfühlungsvermögen, auf 'Familiensinn', auf enorm ausgeprägte Sinne wie Riechen oder Hören schließen, die unsere Wahrnehmungvermögen weit übertreffen. Daneben hat Gowdy den Elefanten Bewußtsein und Emotionen angedichtet, von denen wir nicht wissen können, ob das eine mögliche Sichtweise ist. Aber es ist ja auch ein Roman, kein wisenschaftliches Werk und es ist legitim, uns diese Riesen der Tierwelt so nahe zu bringen, uns zu zeigen wie sanft sie sind und wie gefährdet durch unsere unverständige, der Natur entfremdeten, maßlose Spezies. (A. Mantwill)

aus dem Klappentext:

Ein Elefant vergißt nie, heißt es. Aber wie wäre es, ein solches Gedächtnis zu haben? Die Vorstellung, sich wirklich an alles erinnern zu können, ist einer der Ausgangspunkte des Romans. Die Autorin hat sich hineinversetzt in das Raum-Zeitgefühl der Elefanten und erzählt aus deren Perspektive die Geschichte der Elefantenkuh "Matsch", die zusammen mit ihrer Familie auf der Suche ist nach dem legendären magischen Weißen Knochen, von dem man sagt, dass er die Elefanten zu einem sicheren Ort führen wird.

Von der Schwierigkeit, den Weg zu finden. Jennifer Egans geheimes Meisterwerk


Schön, dass es in Zeiten der Bertelsmannisierung der Medienlandschaft noch möglich ist, dass sich ein kleinerer Verlag ein Meisterwerk unter den Nagel reißt. Die deutsche Überset zung von Jennifer Egans ‘The invisible circus’ ist jetzt im Schöffling Verlag unter dem Titel ‘Die Farbe der Erinnerung’ erschienen. Im Klappentext wird die New York Times Book Review zur amerikanischen Originalausgabe mit dem Satz zitiert; ‘ Wenn es Gerechtigkeit auf dieser Welt gäbe, so dürfte es niemandem erlaubt sein, ein Debut von derartiger Schönheit und Vollendung zu schaffen.’ Leider sagt der Klappentext nicht, ob sich da vielleicht eine neidische Kollegin oder ein Kollege den Frust von der Seele geschrieben hat. Aber wahr ist, dass es Jennifer Egan gelungen ist, auf Anhieb einen anspruchsvollen Entwicklungsroman mit einer äußerst spannenden Handlung zu koppeln.

Phoebe O’Connor ist gerade 18 geworden und wir schreiben das Jahr 1978. Mit acht Jahren hat sie ihren Vater an eine unheilbare Krankheit verloren, mit zehn Jahren die geliebte und vergötterte Schwester Faith. Sie lebt mit ihrer verwitweten Mutter zusammen und schläft nachts im Bett der verstorbenen Schwester, deren Zimmer sie als eine Art Schrein bewahrt und bewacht. Ihre Verehrung für die verstorbene Schwester mischt sich mit einer grenzenlosen Faszination für die Generation der 68er.. Die Schwester Faith wird zum Ideal erklärt, das Phoebe niemals erreichen können wird. Faith, die Wagemutige und Unerschrockene. Faith, die politische Aktivistin und Faith, die Einzigartige, die alle in sie gesetzten Erwartungen erfüllte. Kein Wunder, dass für Phoebe selbst kein Platz zum Leben bleibt.

Eine Auseinandersetzung mit der Mutter, die ihr einen neuen Freund beichtet und ihr erklärt, dass sie das Haus verkaufen wolle, bringt Phoebe zu einer spontanen Reaktion. Sie verläßt ihr Zuhause und bricht auf nach Europa, um den Spuren ihrer Schwester zu folgen. In ihrem Gepäck sind 18 Postkarten, die ihre Schwester im Verlauf ihrer Reise nach Hause schickte und Phoebe besucht die gleichen Städte wie Faith. Die Reise durch die Städte Europas wird für Phoebe zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Bilder ihrer Kindheit und Jugend steigen auf und ganz behutsam skizziert Jennifer Egan vor unseren Augen das Psychogramm einer Familie. Wird Phoebe in die Fußstapfen ihrer Schwester treten?

In München trifft sie schließlich zufällig (?) den ehemaligen Freund der Schwester, der Faith auf ihrer Europareise begleitete. Zusammen fahren die beiden nach Italien, wo Phoebes Schwester damals unter seltsamen Umständen zu Tode kam. Und während Phoebe ihrer Schwester immer näher kommt, entfernt sie sich gleichzeitig weiter und weiter von ihr.

Jennifer Egan ist eine geborene Erzählerin und ihre Geschichte bleibt spannend bis zu den letzten Seiten. Egan gelingen Sätze, die einen innehalten lassen und ihre Familiengeschichte geht tief unter die Haut. Günter Ohnemus hat Egans Erstlingswerk übersetzt und ich denke, diese Arbeit hat ihm sicher Spaß gemacht. Bleibt zu bekritteln, dass ‘the invisible circus’ mit ‘Die Farbe der Erinnerung’ nicht ganz treffend übersetzt ist und dass das Cover (mit der Ansicht eines bloßen Frauenrückens) eher einen schwülstigen Liebesroman verspricht als ein literarisches Meisterwerk. Die englische Taschenbuchausgabe zeigt auf ihrem Umschlag ein in der Mitte durchgerissenes Bild zweier Frauen. Aber vielleicht verkauft sich ein nackter Rücken ja besser. Trotzdem; ich wünsche dem Schöffling Verlag, dass sich dieses Buch so gut verkaufen möge, wie ein Megaseller aus dem Hause Bertelsmann. Wenn es Gerechtigkeit auf dieser Welt gäbe, sollte das erlaubt sein. (P. Philippi)


Jennifer Egan: Die Farbe der Erinnerung
Serie Piper Band 3145
538 S., kart.


9,90 EUR

bestellen



Cowboys auf Cuba - Elmore Leonard wandelt auf fremden Pfaden


Eigentlich hat Elmore Leonard ja Recht; wenn eh jedes Buch von ihm verfilmt wird, kann er auch gleich ein Drehbuch schreiben. Nach ‘Schnappt Shorty’, ‘Out of Sight’ und ‘Jackie Brown’ kann Leonard sich wahrscheinlich aussuchen, was er schreiben will. Also erfüllt er sich vielleicht einen Jugendtraum und schreibt einen Western. Schließlich ist er mit über 70 in einem Alter, im der er nicht einmal mehr seinen guten Namen verlieren kann.
Dass er sich als Schauplatz für seinen Western Kuba ausgesucht hat mag daran liegen, dass es billiger ist, einen Western in Süd- als in Nordamerika zu drehen. Vielleicht hat ihn aber auch der spanisch-amerikanische Krieg um Kuba gereizt.
1898. Zwei Cowboys liefern Pferde an einen amerikanischen Großgrundbesitzer auf Kuba und nutzen die Gelegenheit, um Waffen für die aufständischen Eingeborenen zu schmuggeln. Dass sie von dem Grundbesitzer um ihr Geld geprellt werden und seine Geliebte sich in einen der Cowboys verguckt , reicht noch lange nicht aus, um die Ausgangssituation für Leonards neuen Roman ‘Cuba Libre’ zu beschreiben. Justamente als die beiden Cowboys nach einem etwas ungleichen Duell verhaftet werden, bricht der (historisch belegte) spanisch-amerikanische Krieg aus und weitere Mitspieler betreten die Bühne. Ein fieser spanischer Leutnant. Ein amerikanischer Matrose. Ein kubanischer Polizeiagent. Die rechte Hand des Grundbesitzers. Ein Kopfgeldjäger. Ein Guerillaführer. Der Leibwächter. Die Nebendarsteller will ich hier gar nicht anführen.
Leonard versteht sein Handwerk. Die Geschichte, die er spinnt, lebt wie immer von den unerwarteten Wendungen, dem Wortwitz und den unberechenbaren Charakteren. Aber mehr als ein gutes, spannendes Buch ist diesmal nicht dabei herausgekommen. Für Leonardsche Verhältnisse ist ‘Cuba Libre’ ein wenig zu glatt geraten und Krimis liegen dem Altmeister eindeutig besser. Trotzdem; lesenswert ist ‘Cuba Libre’ nicht nur für Leonard-Fans allemal. Man fühlt sich an alte Burt-Lancaster-Filme erinnert, an ‘Vera Cruz’ oder ‘Die glorreichen Sieben’. Abenteuer at it’s best also.
Übrigens; Robert Redford in jungen Jahren hätte eine gute Besetzung für dieHauptperson Ben Tyler abgegeben. Wer ihn heutzutage spielen könnte, ist mir nicht ganz klar. (P.P.)




Elmore Leonard, ‘Cuba Libre’, Goldmann Taschenbuch 1999,

ISBN: 3-442-54104-2

 

zur Zeit vergriffen

 


Die leise Art zu sterben




Laurali R. Wright: Es war ein Tag wie jeder andere,
Wunderlich TB

zur Zeit vergriffen

‘Strangers among us’ lautet der Originaltitel und er trifft (wie so oft) die Essenz des Romans wesentlich besser als die deutsche Übersetzung ‘Es war ein Tag wie jeder andere’. Laurali R. Wright heißt die Autorin und der Wunderlich Verlag teilt uns nicht mehr mit, als dass sie in Vancouver lebt und mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet wurde. Für diesen Roman? Ich weiß nicht.
Eine Bluttat erschüttert das kanadische Städtchen Sechelt. Der vierzehnjährige Eliot hat seinen Vater und seine Mutter mit einer Machete erschlagen und seine kleine Schwester schwer verletzt. Ein Motiv ist nicht erkennbar und der Junge schweigt verstockt. Der Polizist Karl Alberg nimmt den Fall persönlich; schließlich hat er sich nach einer früheren Straftat um den Jungen gekümmert und ihm einen Job verschafft.
Und noch ein Schlag trifft Alberg. Ein alter Feind, der den Polizisten für den Tod seiner Frau verantwortlich macht, taucht mit unklaren Absichten in Sechelt auf. Alberg, ein fünfzigjähriger Dickschädel mit Vergangenheit, ist die Hauptfigur dieses Romans, den man sich fast scheut, Krimi zu nennen. Richtig, das ist eher eine Geschichte von Fremden unter uns. Von mehr oder weniger Fremden und selbst Alberg bleibt einer von ihnen.
So geht es Laurali R. Wright weniger darum, am Ende (Hokuspokus) eine passende Erklärung für Eliots Tat aufzutischen oder es zum Showdown zwischen dem Polizisten und seinem Verfolger kommen zu lassen. Wichtiger sind ihr die Personen und ihr Ausgeliefertsein an innere Kräfte, die sie selbst nicht recht verstehen. Damit kein falscher Eindruck entsteht; ‘Strangers among us’ ist beileibe kein Psychokrimi und auch keiner dieser ambitionierten Romane, die uns das Grauen unter der bürgerlichen Fassade zeigen wollen. Die Autorin hat ein paar Personen aus einer kanadischen Kleinstadt skizziert. Das dies anhand eines grausigen Mordfalles geschieht ist eher nebensächlich.
Wichtiger ist, dass man der Geschichte gespannt bis zum Ende folgt, dass man mit den Figuren leidet, hofft und bangt und sich am Ende fragt, ob es weitere Romane aus Sechelt geben wird.
(P.S. Persönlich weniger schön finde ich die Informationspolitik des Verlages. Ein paar einleitende Worte zu Autorin und Handlung könnten sicher nicht schaden und dass jeglicher Hinweis auf den bereits erschienen Titel ‘Tiefer Grund’ mit dem Polizisten Alberg fehlt, macht nicht gerade einen professionellen Eindruck.) (P.Philippi)

Der ultimative Katastrophenroman. ‘Stürmische Zeiten’ von Carl Hiaasen


Mit den Krimis von Carl Hiaasen ist es wie mit Blasmusik; entweder man liebt sie oder man kann sie nicht leiden. Ich liebe sie.
‘Stürmische Zeiten’ ist eine Art Verlängerung von ‘Große Tiere’, bloß dass bis auf eine Person andere Darsteller auftreten. Aber die sind bei Hiaasen wirklich ziemlich austauschbar. Sein (bewährtes) Rezept lautet; Man nehme eine Anzahl skrupelloser Betrüger, gebe ein bis zwei hartgesottene Verbrecher dazu, verrühre diese Zutaten mit ein paar exzentrischen bis durchgeknallten good guys und schmecke das Ganze mit einer Hauptperson ab, die einen einigermaßen normalen Eindruck macht. Das Ergebnis kann sich lesen lassen.
Nach einem Jahrhundertsturm sind einige schräge Vögel unterwegs nach Florida. Edie Marsh, zum Beispiel, ist eigentlich nach Florida gekommen, um einen Kennedy aufs Kreuz zu legen, disponiert aber schon bald um. Der Mafiakiller Ira Jackson wollte eigentlich seine Mutter besuchen, startet aber einen privaten Rachefeldzug, als er sieht, dass seine Mutti mit ihrem Mobilheim auf und davon geweht wurde. Bonnie Lamb muss dagegen auf ihrer Hochzeitsreise erfahren, dass der ihr angetraute Max nichts Wichtigeres zu tun hat, als mit seiner Handycam ein schönes Katastrophenvideo zu drehen.
Ferner sind in Hiaasens Auftrag unterwegs ein Krimineller namens ‘Snapper’, ein paar betrügerische Bauunternehmer und Inspektoren, ein Ex-Gouverneur mit einem Glasauge, der Erbe eines Privatzoos, der gern mit menschlichen Schädeln jongliert, ein Polizistenpärchen und eine Handvoll wilder Tiere, die aus besagtem Privatzoo entwichen sind. Man darf sich also auf eine Menge Spaß freuen, den die Beteiligten mit einander haben werden. Ganz zimperlich geht es dabei nicht immer zu, aber daran sind Hiaasen LeserInnen gewöhnt (P.Philippi)

bestellen


Carl Hiaasen, ‘Stürmische Zeiten’ Goldmann Taschenbuch,
 
 
zur Zeit vergriffen
 

Seitenanfang   zurück    home

der buchladen gmbh Försterstr. 14 66111 Saarbrücken
tel:0681/31171 fax:0681/33814