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Buchtipps

Der angenehme Grusel eines Chabrol-Films stellt sich ein, wenn Lemaitre die französische Provinz beschreibt. Was da unter der Oberfläche so gurgelt und strudelt, Menschen aneinander gekettet, das beschreibt er in seinem dem Prix Goncourt nachfolgenden Roman Drei Tage und ein Leben. Und er tut dies mit kriminellem Spannungsbogen, ein Kind verschwindet, mehr darf hier nicht verraten werden, und bleibt verschwunden, also gut soviel doch.

Als Fünfjährige floh Emilia Smechowski im Sommer 1988 mit ihren Eltern von Wejherowo nach Westberlin, aus einem Dorf in Westpreußen in eine eingemauerte Stadt. Die Familie hat den „polnischen Abgang“ gemacht, sie floh still und heimlich, in einem Polski Fiat, der gepackt war mit Badeanzügen, Schlafsäcken und Zelt — für einen vermeintlichen Rimini-Urlaub. Ebenso wie in Polen niemand von der Flucht wissen durfte, sollte später in Deutschland keiner wissen, woher die Familie kam. Fortan wollten die polnischen Smechowskis deutscher sein als die Deutschen selbst. So wie viele andere Polen auch.

Der gefährlichste Ort der Welt – für eine Gruppe von Jugendlichen ist dies ausgerechnet Mill Valley, ein paradiesisch anmutendes Städtchen oberhalb der Bucht von San Francisco. Die meisten Einwohner haben es zu Wohlstand gebracht, die Jugendlichen der örtlichen Highschool führen ein Leben ohne materielle Sorgen und Zukunftsängste. Doch der Selbstmord eines Schülers gibt den Blick frei hinter die Fassaden einer nur oberflächlich heilen Kleinstadt.

Uwe Timms Novelle Die Entdeckung der Currywurst zählt für mich zu den schönsten und sympathischsten deutschsprachigen Romanen. Deshalb hat es mich besonders gefreut, dass es bei seinem neuesten Werk gewisse Ähnlichkeiten zur Currywurst gibt. Wieder geht es um die letzten Kriegstage und die erste Zeit nach Kriegsende, wieder wird der Held ausgeschickt, um gewisse Dinge in Erfahrung zu bringen und wieder werden diese Dinge von einer Person erzählt, die mehr im Sinn hat, als ihrem Interviewer die gewünschten Informationen zu liefern.

Gila Lustiger - in Frankfurt geboren - lebt seit 1987 als freie Autorin in Berlin. Sie hat einen genauen Blick auf Frankreich. In ihrem Roman Die Schuld der Anderen lässt sie einen hartnäckigen Journalist auf Verstrickungen von Wirtschaft, Geld und Politik stoßen.

„Sam hat erreicht, wovon er immer träumte: Er lebt als Staranwalt in New York und ist mit der einflussreichen Ruth Berg verheiratet. Doch sein Leben beruht auf einer Lüge: Um seine arabische Herkunft zu verbergen, bediente er sich der Identität seines jüdischen Freundes Samuel, der als Schriftsteller gescheitert ist. Ihre Freundschaft zerbrach einst an Nina, der Frau, die beide Männer leidenschaftlich liebten. Zwanzig Jahre später treffen sich die drei in Paris wieder – und das Schicksal zieht jeden Einzelnen zur Rechenschaft.“

Dieser autobiografische Roman ist kein trauriges Buch, denn das ‘Ende von Eddy’ ist ja die Geburt von Edouard, dem Jungen, der die nordfranzösische Provinz hinter sich lässt und dem die Flucht ins neue, bessere Leben gelingt. Dies ist doch auch ein sehr trauriges Buch, denn es beschreibt, für einen Großteil der Leser sicher unbekannt elende, frühkapitalistisch anmutende Zustände in einem Dorf in der Picardie.

Jetzt auch im Taschenbuch! Der Australier Gerry Disher gilt als einer der großen alten Männer der Kriminalliteratur, bereits zwei Mal wurde er mit dem renommierten Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Mit Bitter Wash Road hat Disher den Grundstein für eine neue Reihe gelegt, die im australischen Outback angesiedelt ist.

Jetzt auch im Taschenbuch! Wie kann es sein, dass diese atemberaubenden Kurzgeschichten erst zehn Jahre nach Lucia Berlins Tod entdeckt werden? 43 Erzählungen (von insgesamt 76 Geschichten, die die Autorin je geschrieben hat) bietet diese Sammlung – doch man darf sich keine abgeschlossenen Geschichten vorstellen. Berlin erzählt im Grunde nur eine einzige große Geschichte in vielen kleinen Kapiteln. Wiederkehrende Motive und Figuren ergeben ein Bild, das trotz vieler Lücken ein faszinierendes und hartes Leben erzählt.

Nein, Stefanie Höfler ist sicher nicht die erste Jugendbuchautorin, die sich des Themas Mobbing annimmt, doch es gibt gute Gründe, gerade dieses Buch hervorzuheben. Mit Sera und Niko hat die Autorin ein Paar gefunden, das so gar nicht zueinander passt und ihre (von beiden Seiten erzählte) ebenso ernste wie vergnügliche Story mag zwar pädagogisch wertvoll sein, in erster Linie aber ist sie unterhaltsam.