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Buchtipps - Belletristik

Jetzt im Taschenbuch! Wir erfahren wie die Protagonistin und ihr Zwillingsbruder in Ostdeutschland als Kinder einer Punkerin und einem angolanischen Vater geboren werden. Auch wenn man es vermuten könnte handelt es sich nicht um ein autobiografisches Buch. Olivia Wenzel sagt, dass sie vieles so ähnlich erlebt hat und Erlebnisse aus ihrem Freundeskreis zusammengetragen hat, „in einer düstereren Variante  von sich selbst,  die  sie  im  Alltag  nicht  aushalten könnte, zu sein“. Zu ihrem Alltag gehört auch Angst vor rassistischer Gewalt, die ihre Gedankenwelt mitprägt.

Bettina Flitner erzählt von der schwierigen Familienkonstellation, in der sie und ihre Schwester aufgewachsen sind. Geprägt ist die Familie  vom Erscheinen der schwarzen Raben, die einen Depressionsschub der Mutter ankündigen. Mit eindrucksvoller, klarer Sprache beschreibt Flitner prägende Momente mit der Schwester. Lesenswert! (A.Mantwill)

„Der König ist tot, es lebe die Königin“, scheppert es aus den Radios in Tiger Bay, dem Hafenviertel der walisischen Hauptstadt Cardiff. Wir befinden uns also im Jahre 1952, und zwar in Berlin ́s Milk Bar, dem Treffpunkt somalischer Einwanderer, in die sich tagsüber auch schon die ersten schwarzpullovrigen Studenten verirren. Mohamed erzählt die wahre Geschichte Mahmood Matifs, somalischer Seemann und Heizer, der schon seit Jahren kein Schiff mehr betreten hat, mit Frau und drei kleinen Söhnen in diesem Viertel lebt – und Opfer eines Justizirrtums werden wird.

In Heaven begegnen wir zwei japanischen Teenagern, die zur „selben Sorte gehören“ wie es das Mädchen Kojima in einem Brief an den namenlosen Protagonisten schreibt. Sie sind Außenseiter, werden von ihren Mitschülern gemobbt und haben keine Freunde – bis zwischen beiden eine zarte Freundschaft entsteht. Ihr Leben ist eintönig und geprägt von der Brutalität, die sie in der Schule erfahren: sie werden eingesperrt, müssen Kreide essen und werden geschlagen. Diese Szenen beschreibt Kawakami in einer sehr nüchternen, unbeteiligten Sprache.

Ein Polizist, zwei Tote, Polar-Verlag. Drei gute Gründe, diesen Roman in der Krimirubrik zu erwarten. Doch Dessaint ist in erster Linie Erzähler sozialer Verhältnisse, der Polizist verliebt, der Tod Unfall und Ausweg und der Polar Verlag bekannt für genresprengende Literatur. ´Verlorener Horizont´ist ein berührender Roman Noir über drei Außenseiter der Gesellschaft.

Die knappe präzise Sprache hat mich von Anfang an in den Roman hineingezogen und fasziniert. Kunstvoll entwickelt Hermann Bilder und Szenerien, oft reichen wenige Sätze zur Ausgestaltung. Die Icherzählerin - Ende vierzig - lebt alleine in einem Haus am Meer. Sie hat ihr früheres Leben hinter sich gelassen. Sie fasst es so zusammen: „Ich habe Otis getroffen, wir haben geheiratet und eine Tochter bekommen, Ann. Ann ist groß, und Otis und ich sind auseinandergegangen. Seit fast einem Jahr lebe ich auf dem Land, an der östlichen Küste und in der Nähe meines Bruders.“

Nach dem Tod ihres Mannes lebt Drehbuchautorin Ruth abgeschieden im Holzhaus auf dem Land. Ihre Kinder haben längst ihr eigenes Leben, während sie das Alleinsein schätzen lernt. Das Einzige, was ihre Landidylle stört, sind Hate-Nachrichten auf Social Media. Ein Troll geht ihr besonders unter die Haut, kennt ihre Geheimnisse und persönlichsten Gedanken.  Plötzlich vermischen sich die Nachrichten mit ihrem Privatleben und Ruth muss sich fragen, wem sie noch vertrauen kann. (V. Panter)

Micah Mortimer, ein Durchschnittstyp mit leichtem Hang zur Zwanghaftigkeit. Er lebt in einer kleinen Souterrain-Wohnung, arbeitet vormittags als selbständiger Computerspezialist, nachmittags geht er seiner Tätigkeit als Hausmeister nach. Ich finde es bemerkenswert, wie es Anne Tyler gelingt das Interesse des Lesers für diesen doch eigentlich langweiligen, bürgerlichen Mann zu wecken. Vielleicht, weil sie ihm einen liebevoll empathischen Blick auf Micah eröffnet. Vielleicht weil sie es schafft, trotz sehr unaufgeregter, klarer Sprache Spannung aufzubauen.

„In seinem neuen Roman nimmt uns Autor Andreas Maier mit auf Reisen“ - schreibt der Verlag. Das mag ja zur Zeit besonders verführerisch klingen, doch: Finger weg von diesem Buch, wenn Sie gerne Reiseliteratur lesen, sich für ferne Länder, fremde Sitten interessieren. Der nun achte Band seines Schreib- und Lebensprojekts namens „Ortsumgehung“ führt uns nur wieder hinein in den Kopf eines Autors, der über Thomas Bernhard promoviert hat - und so sieht es dort auch aus.

„Nach dem ENDE kam der ANFANG. Und am ANFANG waren wir acht, dann neun - das war ich -, eine Zahl, die nur abnehmen würde.“ So beginnt der Roman und die Leserin ist mittendrin in einer Endzeiterzählung. Was ist passiert?